Wirecard
Ein im DAX notierter Zahlungsdienstleister brach 2020 zusammen, nachdem Guthaben von rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten nicht auffindbar waren. Die Aktie verlor praktisch ihren gesamten Wert.
Wirecard galt jahrelang als deutsches Vorzeigeunternehmen und stieg 2018 in den DAX auf. Im Juni 2020 teilte das Unternehmen mit, dass Bankguthaben von rund 1,9 Milliarden Euro mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existierten. Kurz darauf folgte der Insolvenzantrag.
Bemerkenswert ist der Vorlauf. Journalisten der Financial Times hatten über Jahre Zweifel an den Zahlen veröffentlicht. Die Reaktion bestand über weite Strecken darin, die Kritiker anzugreifen, statt die Vorwürfe zu prüfen. Zwischenzeitlich wurden Leerverkäufe der Aktie sogar zeitweise eingeschränkt.
Für Anleger war der Verlust total. Wer zum Höchstkurs gekauft hatte, verlor praktisch alles. Anders als bei einem Kursrückgang gab es keine Erholung, weil kein Unternehmenswert mehr übrig war.
Was daraus folgt, ist unangenehm: Weder die Aufnahme in einen bekannten Index noch die Prüfung durch eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft noch jahrelange Kursgewinne sind ein Beleg dafür, dass die Zahlen stimmen.
Der Fall zeigt exemplarisch den Wert der Kapitalflussrechnung gegenüber dem ausgewiesenen Ergebnis. Wesentliche Teile des berichteten Geschäfts liefen über Drittpartner, deren Erträge auf Treuhandkonten geführt wurden. Ein wachsender Anteil des Ergebnisses stand damit Guthaben gegenüber, die dem Unternehmen nicht unmittelbar zur Verfügung standen. Die Kombination aus starkem Ergebniswachstum und schwacher operativer Liquidität ist genau das Warnzeichen, das in der Bilanzlektion beschrieben ist.
Für die Portfoliokonstruktion ist die Lehre die Unterscheidung zwischen Marktrisiko und Einzelwertrisiko. Der Ausfall eines einzelnen Titels ist in einem breit gestreuten Index kaum spürbar, während er in einem konzentrierten Depot existenzbedrohend ist. Da für Einzelwertrisiko keine Prämie gezahlt wird, ist die Konzentration in diesem Fall unbezahltes Risiko.
Aufsichtsseitig führte der Fall in Deutschland zu Reformen der Bilanzkontrolle und der Finanzaufsicht. Für Anleger bleibt die praktische Konsequenz jedoch begrenzt: Aufsicht und Prüfung erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung, garantieren sie aber nicht. Der einzige verlässliche Schutz gegen den Ausfall eines einzelnen Unternehmens bleibt die Streuung.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Index-Zugehörigkeit und Prüftestat sind keine Garantie für richtige Zahlen.
- Ergebniswachstum ohne entsprechenden Zahlungsfluss ist ein Warnzeichen.
- Gegen den Ausfall eines Einzelwerts schützt nur Streuung.
Hast du es verstanden?
Welches Warnzeichen war in den Zahlen angelegt?
Starkes Ergebniswachstum bei schwacher operativer Liquidität, mit Guthaben auf Treuhandkonten Dritter.
Warum half die Aufnahme in den DAX den Anlegern nicht?
Indexzugehörigkeit sagt nichts über die Richtigkeit der Zahlen aus, sie folgt aus Größe und Handelbarkeit.
Welcher Schutz bleibt gegen einen solchen Fall?
Streuung. Einzelwertrisiko wird nicht vergütet und lässt sich vollständig wegdiversifizieren.
Quellen und Weiterlesen
- Öffentliche Unternehmensmitteilungen aus dem Juni 2020, Berichterstattung der Financial Times sowie die Berichte des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages.
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