Die Ein-Prozent-Regel
Eine verbreitete Obergrenze ist ein Prozent des Kontos pro Einzelposition. Damit übersteht man auch eine lange Serie von Fehlschlägen, ohne handlungsunfähig zu werden.
Bei 5.000 Euro Konto bedeutet ein Prozent, dass ein einzelner Fehlschlag höchstens 50 Euro kosten darf. Nicht die Position ist auf 50 Euro begrenzt, sondern der Verlust.
Das klingt nach wenig und ist genau der Punkt. Zehn Fehlschläge hintereinander kosten dich rund zehn Prozent. Damit bist du angeschlagen, aber handlungsfähig. Bei zehn Prozent Risiko pro Trade wären dieselben zehn Fehlschläge das Ende.
Serien von Fehlschlägen sind normal, nicht außergewöhnlich. Wer in sechs von zehn Fällen richtig liegt, erlebt trotzdem regelmäßig fünf oder sechs Fehlschläge hintereinander. Das ist keine Pechsträhne, das ist Statistik.
Die Regel gilt für aktives Handeln mit Einzelpositionen. Für einen breit gestreuten Sparplan brauchst du sie nicht, weil dort kein einzelner Titel dich treffen kann.
Die Wahrscheinlichkeit einer Verlustserie ist höher, als die Intuition nahelegt. Bei einer Trefferquote von 55 Prozent beträgt die Wahrscheinlichkeit von sechs aufeinanderfolgenden Verlusten in einer einzelnen Sequenz 0,45^6 ≈ 0,83 Prozent. Über hundert Trades hinweg ist das Auftreten mindestens einer solchen Serie jedoch wahrscheinlich, weil die Zahl der möglichen Startpunkte entsprechend groß ist.
Die Ein-Prozent-Grenze lässt sich als vereinfachte Form einer Wachstumsoptimierung lesen. Das Kelly-Kriterium bestimmt den wachstumsoptimalen Einsatzanteil f = (p·b − q) / b, mit p als Gewinnwahrscheinlichkeit, q als Gegenwahrscheinlichkeit und b als Gewinn-Verlust-Verhältnis. Da p und b in der Praxis geschätzt und meist überschätzt werden, wird üblicherweise nur ein Bruchteil des Kelly-Werts eingesetzt, was in der Größenordnung der Ein-Prozent-Regel landet.
Wesentlich ist der Umgang mit Korrelation. Fünf offene Positionen zu je einem Prozent Risiko bedeuten fünf Prozent Gesamtrisiko nur dann, wenn sie unabhängig sind. Bei gleichgerichteten Positionen im selben Sektor oder derselben Anlageklasse kann das tatsächliche Risiko einer gemeinsamen Bewegung nahe an der Summe liegen. Die Regel muss deshalb auf Portfolioebene und nicht nur je Position angewandt werden.
Drei Sätze zum Mitnehmen
- Ein Prozent begrenzt den Verlust, nicht die Positionsgröße.
- Serien von sechs Fehlschlägen sind normal, nicht außergewöhnlich.
- Gleichgerichtete Positionen addieren ihr Risiko nahezu vollständig.
Hast du es verstanden?
Was genau begrenzt die Ein-Prozent-Regel?
Den maximalen Verlust einer Position, nicht das eingesetzte Kapital.
Warum wird nur ein Bruchteil des Kelly-Einsatzes verwendet?
Weil Trefferquote und Gewinnverhältnis geschätzt und meist überschätzt werden.
Warum reicht die Regel je Position nicht aus?
Weil korrelierte Positionen sich gleichzeitig bewegen und ihr Risiko sich nahezu addiert.
Passt dazu
- Positionsgröße berechnenStufe 2
- Chancen-Risiko-VerhältnisStufe 2
- Trefferquote und ErwartungswertStufe 2